Gesellschaft

Weltreligionstag – Spielt Religion noch eine Rolle?

Am 15. Januar ist Weltreligionstag – eine Gelegenheit, um die Einstellung der Deutschen zu Religion zu betrachten. Dabei wird deutlich, dass man zwischen Religion und Religiosität unterscheiden muss. Denn obwohl mehr als 60 Prozent der Menschen in Deutschland angeben, Religion sei ihnen nicht sehr oder überhaupt nicht wichtig, bezeichnet sich knapp die Hälfte als religiös und knapp zwei Drittel glauben an Gott.

Dieses Ergebnis geht aus einer Befragung im Rahmen der World Value Survey hervor, für die im Jahr 2013 2.046 Personen in Deutschland befragt wurden. Die geringe Bedeutung von Religion für die Menschen spiegelt sich auch in der Anzahl der Gottesdienstbesuche wider. Nur 19 Prozent der Menschen gehen einmal im Monat und häufiger zum Gottesdienst, der restliche Anteil sucht die Kirche nur an besonderen Feiertagen oder seltener auf. Über zwei Drittel der Befragten wohnen eigener Aussage nach sogar nie einem Gottesdienst bei.

Gebete und der Glaube an Gott sind wichtiger als der Besuch von Gottesdiensten

Obwohl die meisten Menschen nur selten in die Kirche gehen, betet ein größerer Anteil von ihnen. 35 Prozent sagen, dass sie mehrmals in der Woche beten. 65 Prozent beten nur an besonderen Feiertagen und seltener.  Es muss daher begrifflich zwischen Religion und Religiosität unterschieden werden: Religion bezeichnet ein System, das heißt, die Strukturen und das Gemeinschaftliche. Religiosität bezieht sich auf das Individuum, also auf das Erleben des Einzelnen (Wernhart, 2004).

Demnach ist auch verständlich, dass knapp 63 Prozent der Deutschen angeben, an Gott zu glauben (Abbildung 1). Aussagen, die im ersten Moment widersprüchlich erscheinen, ergänzen sich. Denn der Glaube an Gott ist individuell und steht nicht unbedingt im Zusammenhang zur Kirche und zum Besuch von Gottesdiensten.

Abbildung 1

Frage: Glauben Sie an Gott?

 


Quelle: World Value Survey, 2013

Was bedeutet Religion für die Deutschen?

Auch das Verständnis von Religion ist nicht für alle Menschen dasselbe. Während für 54 Prozent der Deutschen Religion bedeutet, bestimmten Werten und Normen zu folgen, sind 46 Prozent der Meinung, dass Religion vor allem heißt, anderen Menschen etwas Gutes zu tun (Abbildung 2). Im internationalen Vergleich erkennt man, dass in verschiedenen Ländern ein unterschiedliches Verständnis von Religion vorherrscht. Besonders in Ländern, in denen Menschen sehr religiös sind, wie im orthodoxen Georgien und Weißrussland oder auf den Philippinen mit einer großen katholischen Mehrheit ist Religion vor allem mit guten Taten gegenüber anderen Menschen verbunden.

Aber auch im mehrheitlich katholischen Land Spanien (84 Prozent), im protestantischen Schweden (89 Prozent) und in den USA (77 Prozent) ist die Mehrheit der Meinung, dass Religion besonders zwischenmenschlich gute Taten erfordert. Deutschland ist somit eines der wenigen Länder, in dem Religion für die Menschen mehrheitlich mit der Befolgung bestimmter Werte und Normen verbunden ist.

Abbildung 2

Frage: Welcher der folgenden Aussagen stimmen Sie am meisten zu?

„Religion bedeutet…“

 


Quelle: World Value Survey, 2013


Quellen:

Wernhart, Karl R., 2004, Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen, Ostfildern

World Values Survey, 2013, World Values Survey Wave 6: 2010-2014 [22.12.2016]

 

Regina hat Economics and Psychology an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris studiert und arbeitet seit 2015 als Researcher in der IW Akademie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Verhaltensökonomik und Wirtschaftspsychologie. Sie interessiert sich vor allem für die psychologischen Aspekte wirtschaftlichen Entscheidens und Handelns.