Lebenszufriedenheit in Krisenzeiten – und was die Soziale Marktwirtschaft damit zu tun hat

Nach mehr als zwei Jahren Pandemie besteht weltweit der Wunsch nach Normalität. Doch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sorgt für Wirtschafts- und Energiekrisen. Wie entwickelt sich unter diesen Umständen die Lebenszufriedenheit in Deutschland?

Der Mensch strebt nach Glück. Jeder möchte ein zufriedenes Leben führen und sich Dingen widmen, die eine positive Wirkung auf das innere Selbst haben. Auf gesellschaftlicher Ebene zeigt sich darüber hinaus, dass eine hohe Zufriedenheit mit politischer Stabilität und Wachstum einhergeht (Enste et al., 2019). Daher gehören Wohlstand und Glück vielerorts zu den obersten Prioritäten von Regierungen, obwohl diese in einem komplexen Verhältnis zueinanderstehen.

Die Lebenszufriedenheit ist seit jeher immer wieder Schocks unterlegen:

Wiedervereinigung, Finanz- und Wirtschaftskrise, Flüchtlingskrise. Doch nichts konnte der Zufriedenheit so zusetzen, wie Corona es getan hat (Raffelhüschen, 2022, 21). Das lag vor allem an den schwerwiegenden Maßnahmen, die in die persönliche Lebensführung eingriffen, wie Kontaktverbote, Schulschließungen, Einschränkungen in der Arbeitswelt etc. Hauptursache war dabei – wenig verwunderlich – der Rückgang der Freizeitzufriedenheit.

 

Abbildung 1: Lebenszufriedenheit in Deutschland im Zeitverlauf 2004 bis Juli 2022

Quelle: Raffelhüschen, 2022, 21

 

Corona hat der Zufriedenheit der Deutschen nach einem historischen Höchststand 2019 einen Dämpfer verpasst. Nun kommen weitere Krisenfaktoren dazu, wie Krieg in Europa, Inflation und die Klimakrise. Dies führt dazu, dass die Erholung nach dem Corona-Tief geringer ausfällt als erwartet. Die Menschen sind verunsichert und spüren die Auswirkungen der Krisen: steigende Energie- und Lebensmittelpreise sowie die Sorge vor Trockenheit und Klimawandel.

 

Abbildung 2: Belastungsempfinden der deutschen Bevölkerung durch den Ukraine-Krieg

Quelle: Raffelhüschen, 2022, 24

 

Die Auswirkung der Inflation auf die Lebenszufriedenheit lässt sich bereits in Zahlen ausdrücken

Der Erholungsprozess nach Corona wurde im Frühjahr durch die enormen Preissteigerungen um 0,05 Punkte gedämpft (Raffelhüschen, 2022, 20). Dies erscheint zunächst wenig, doch mittlerweile wird die Abnahme der Zufriedenheit durch den Kaufkraftverlust auf insgesamt 0,28 Punkte beziffert (Stand Sommer 2022; Raffelhüschen, 2022, 57). Schätzungsweise senkt ein Prozentpunkt Inflation das Glücksniveau um 0,04 Zufriedenheitspunkte (Raffelhüschen, 2022, 60). Bei einer Inflation von 8 Prozent werden so schnell 0,32 Punkte erreicht. Das liegt abgesehen von Sorgen und Ängsten in Bezug auf den allgemeinen Lebensunterhalt nicht zuletzt auch an den Auswirkungen auf die Freizeitgestaltung. Steigende Preise für Freizeitaktivitäten wie etwa Restaurantbesuche, Urlaubsreisen oder Kinobesuche werden spürbar teurer (Raffelhüschen, 2022, 26).

 

Abbildung 3: Verzicht auf Freizeitkonsum (bezogen auf monatliches Haushaltsnettoeinkommen)

Quelle: Raffelhüschen, 2022, 26

 

Die gute Nachricht: Die Lebenszufriedenheit in Deutschland bleibt auf hohem Niveau

Die Gesellschaft ist also verunsichert und leidet unter der Inflation und der angespannten weltpolitischen Lage. Das dämpft die aktuelle Stimmung. Aber: Die langfristige Lebenszufriedenheit in Deutschland befindet sich glücklicherweise weiterhin auf einem vergleichsweise hohen Niveau! Vor allem die Soziale Marktwirtschaft scheint hier eine gute Basis zu bieten. Neue Untersuchungen von Easterlin et al. (2022) zeigen jedenfalls, dass insbesondere die staatliche Sicherung und Wohlfahrtsprogramme die Lebenszufriedenheit steigern.

Wurde in der Vergangenheit oftmals noch steigende Lebenszufriedenheit mit Wirtschaftswachstum verbunden, zeigen heute verschiedene Untersuchungen sowie auch das Easterlin Paradoxon (Easterlin, 1974), dass dies ab einem bestimmten BIP nicht ohne weiteres in kausalen Zusammenhang gestellt werden kann. In der Wissenschaft werden ergänzend Sozialkapital, sozialer Ausgleich oder die Qualität der Umwelt als weitere maßgebliche Faktoren analysiert. Doch bisher waren die durchgeführten Studien eher Zeitpunktbetrachtungen. Easterlin et al. haben nun die oben genannten Faktoren im Zeitverlauf (1981-1982, 2017-2018) hinsichtlich ihrer Auswirkung untersucht. Das Ergebnis: In reichen Industriestaaten sorgt sozialer Ausgleich zum Beispiel durch ein progressives Steuersystem dafür, dass die Lebenszufriedenheit auf breiter Basis steigt.

Im Detail zeigen die Ergebnisse, dass vor allem Hilfen für besonders Bedürftige und die Sicherung der Grundversorgung positiv wirken - wie z.B. Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherungen Die Soziale Marktwirtschaft stärkt somit auch das Wohlbefinden. Das Ergebnis ist signifikant (p<0,05) und robust.

Was kann der Staat also zur Sicherung der Lebenszufriedenheit tun?

Die soziale Sicherung durch Systeme wie Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung sowie die Schaffung sozialer Gerechtigkeit durch staatliche Umverteilungsmaßnahmen in Form von beispielsweise Sozialhilfeleistungen, Kurzarbeitergeld etc. sind wesentliche Kennzeichen des Systems. Diesbezüglich befinden wir uns in Deutschland auf einem hohen Niveau. Dabei muss immer wieder sorgsam zwischen Investitionen und heutigen Ausgaben des Staates abgewogen werden, denn letztere gehen künftig zu Lasten der kommenden Generationen und wirken dann langfristig negativ auf die Lebenszufriedenheit zukünftiger Generationen!

 

 

Quellen

Easterlin, Richard A., 1974, Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence, in: Nations and Households in Economic Growth, S. 89–125

Easterlin, Richard A. / O'Connor, Kelsey J., 2022, Explaining happiness trends in Europe, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 119. Jg., Nr. 37

Enste, Dominik H. / Eyerund, Theresa / Suling, Lena / Tschörner, Anna-Carina, 2020, Glück Für Alle? Eine Interdisziplinäre Bilanz Zur Lebenszufriedenheit, Berlin

Raffelhüschen, Bernd, 2022, SKL Glücksatlas 2022, München

Lena arbeitet seit 2018 als Referentin in der IW Akademie. Sie studierte im Master Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Management/Marketing an der Universität Duisburg-Essen.